Vokalformen in Populärem Gesang und Klassischem Gesang

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Die Gesangstechnik, die ich unterrichte, ist nicht nur auf einen Stil begrenzt. Es geht zunächst darum, die Stimme so in Balance zu bringen, dass der Sänger sie vom tiefsten bis zum höchsten Ton seines Stimmumfangs ohne irgendwelche Einschränkungen, Brüche, ohne Druck und möglichst ohne Hilfe der äußeren Muskulatur (Kiefer, Zunge usw.), sondern mit einem natürlich entspannten Kehlkopf benutzen kann.

Es gibt dann natürlich Unterschiede zwischen Popstimmen und klassischen Stimmen.

  1. Die Lage der Lieder ist anders. Ein klassisches Stück liegt im Bereich der mittleren Stimmlage in Richtung höhere Register und Kopfstimme. Popsongs liegen häufig im Bruststimmregister und gehen hoch in den Mix-Bereich. Dennoch gibt es zahlreiche Pop- und vor allem auch Rock -Sänger, die extrem hoch singen, durchaus bis zum eingestrichenen c bzw. c5 bei Männerstimmen! Dennoch braucht ein klassischer Sänger die Verbindung mit der Bruststimme!
  2. Die Mix-Stimme wird anders trainiert. Eine klassische Stimme braucht definitiv nicht so viel Bruststimmanteil wie eine Rockstimme. Dafür muss ein klassischer Sänger ohne Mikrofon sehr viel Volumen produzieren können, um mit einem Orchester mithalten zu können.
  3. Die Stilistik der unterschiedlichen Genres unterscheidet sich sehr stark. Pop, Rock, Jazz geht sehr vom „Sprechen auf Tönen“ aus. Der Text wird meistens so artikuliert wie beim Sprechen. Im klassischen Gesang ist der Klang etwas runder und „abgedunkelter“. In Pop, Rock, Musical gibt es Elemente wie Pop-Hs, Twang, Belting, Pharyngeal Sounds, Growling. Dazu kommen musikalische Elemente, wie in der Klassik zum Beispiel das Portamento, Vibrato oder im Pop- und Soulgesang die Riffs and Runs oder im Jazz Phrasing und Improvisation. Die alle letztendlich auch wieder mit der richtigen Stimmtechnik verbunden sind.
  4. Der Hauptunterschied in der TECHNIK liegt dann aber vor allem an der Vokalform. Um den oben genannten weicheren klassischen Klang zu produzieren, werden die Vokale etwas abgerundet. Beim Vokal A beispielsweise wird die Mundform im klassischen Gesang leicht schmäler gehalten als es ein Rocksänger machen würde. Dadurch ändert sich auch die Form des Vokaltrakts im Rachenbereich. Die Vokale in populärer Musik orientieren sich an den natürlichen Vokalen der gesprochenen Sprache und werden aus stilistischen oder klangästhetischen Gründen auch gerne geweitet.

Aber Achtung! Die Unterschiede sind teilweise sehr fein! Es geht jetzt nicht darum, dass du also Rocksänger einfach deine Vokale breit ziehst, sondern es ist letztendlich ein sehr minimales Justieren, was dir erst möglich wird, wenn du deine Stimme schon einigermaßen in Balance trainiert hast.

Die Erfahrungen in meinem Unterricht zeigen mir, dass klassische Sänger und Sängerinnen, wie z.B. auch Chorsängerinnen, viel zu viel in die abgedunkelte Vokalform gehen. Teilweise so extrem, dass die äußere Muskulatur wie Kiefer und Zunge extrem angespannt ist. Bei Rocksängern geht die Tendenz eher in die Richtung, viel zu breit auf zu ziehen.

Die optimale Vokalform ist in dem Wort, das aus dem italienischen Belcanto kommt, schön beschrieben, nämlich „chiaroscuro“, also hell-dunkel. Beides gleichzeitig! Ein brillanter heller Klang kombiniert mit einem dunklen Timbre, was zu einem Klangergebnis führt, das sowohl strahlend und obertonreich als auch tief und warm ist.

Hier sind einige Beispiele:

Golda Schultz singt „O mio babbino caro“, Vokal a:

Steve Perry singt „Don´t stop believin“, Wort „night“, also Vokal a, Tonhöhe h4:

Luciano Pavarotti singt Nessun Dorma, h4:

 

Luciano Pavarotti und Céline Dion

In diesem Video sieht und hört man schön die unterschiedliche Herangehensweise dieser Weltklasse-Sänger. Bei Pavarotti durchgehend warmer chiaroscuro-Klang, Einsatz von Dynamik, Vibrato, Portamento. Bei Céline Dion Emotionalität in jedem Wort, in Mimik und Gestik, „gesprochen“, ein paar kleine Riffs und Schnörkel, starke Dynamik, offenere Vokale. Und doch mischt es perfekt zusammen.

https://youtu.be/voKPrKtVmco?feature=shared

 

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