Klarheit für 2024

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Die ersten zwei Wochen im neuen Jahr sind schon wieder gelaufen. Ich hoffe von Herzen für alle positiv. Schneller als man denkt, hat einen der Alltag wieder überrannt, und alle Pläne und Vorhaben geraten mehr oder weniger wieder in den Hintergrund. Ich selbst gerate auch immer wieder in den Schleudergang wie in einer Waschmaschine, denn selbstständig, alleinerziehend mit zwei schulpflichtigen Jungs, und dazu noch hochsensibel, ist es meistens gar nicht so einfach. Noch dazu spielen die Welt und Menschen darauf leider absurd verrückt. Da aber so ein Schleudergang nicht besonders angenehm ist, habe ich mir die erste Woche im neuen Jahr in einem kleinen Büchlein herausgearbeitet, welche Aspekte mir im Verlauf des neuen Jahres wichtig sind. Sollte ich die Spur verlieren und merken, dass der Schleudergang schon wieder einsetzt, nehme ich mir vor, in dieses Büchlein zu schauen und dann wird es mir hoffentlich helfen. Um dieses Jahr nicht gefühlt in der Waschmaschine zu verbringen, sondern vielleicht eher wie auf einer Wanderung oder einer Fahrt auf einem Fluss, mit Auf und Abs, aber dennoch immer das Ruder in der Hand und mit den Augen offen nach vorne gerichtet. Das gilt sowohl für das private Leben, ist aber auch auf die Arbeit mit der Stimme oder alle anderen kreativen Bereiche übertragbar. Wenn du Momente hast, an denen du an dir, deiner Stimme, deiner Arbeitsweise zweifelst und auch das Gefühl hast, nicht genau zu wissen, wo du hinwillst, dann helfen dir vielleicht auch diese Überlegungen zu den folgenden 9 Punkten:

 

  1. Klarheit

„Klarheit ist der Beginn von allem“1

Hast du dir für dieses Jahr oder die nächsten Jahre überlegt, was du mit deiner Stimme erreichen möchtest? Damit ist jetzt nicht unbedingt eine Karriere gemeint, sondern deine ganz individuellen Wünsche. Z.B. ob du weiterhin nur für dich zuhause besser singen können möchtest, oder ob du den Wunsch hast, einem Chor oder einem Ensemble beizutreten, oder ob du deine Stimmprobleme loswerden möchtest, oder ob du professioneller werden möchtest, um deine Band voran zu bringen oder ob du den beruflichen Anforderungen als Profi mit deiner Stimme besser und leichter gerecht werden möchtest. Es gibt nur deinen ganz eigenen individuellen Weg. Mach dir klar, was genau du möchtest, auf welchem Stand du bist, und was die nächsten Schritte dafür sind. Mach dir klar, was du vielleicht weglassen könntest, was du nicht mehr haben oder machen MÖCHTEST, oder was du auf später verschieben kannst, um mehr Zeit für die Umsetzung deiner wirklichen Wünsche zu haben.

Meiner Meinung nach spielt das gezielte Weglassen von Handy- und Social Media-Benutzung eine sehr große Rolle, wie viel Zeit und Fokus wir dem kreativen Arbeiten oder dem Üben widmen können. Und auch wie klar wir im Kopf sind. Am liebsten würde ich dieses hässliche Teil von Handy aus dem Fenster werfen, aber leider ist unser Alltag schon so abhängig davon geworden, dass es ohne nicht mehr geht. Und manchmal hat es ja auch seine Vorteile. Aber sei dir bewusst, dass diese Dinger dazu gemacht sind, dich abzulenken und dir Zeit zu rauben, sowie dich in deinem Alltag und deinem Tun und in deiner Konzentration ständig zu unterbrechen. Sowie eine Unmenge an Informationen an dich heranzubringen, die du erstens gar nicht verarbeiten kannst und die zweitens auch nicht sinnvoll sind, weil sie meistens nur sehr oberflächig sind. Ich finde es nicht einfach, aber ich für meinen Teil nehme mir vor, das Handy und die To Do`s daran des Öfteren wegzulegen und mich stattdessen ans Klavier zu setzen! Ich verspreche euch, am Ende des Tages seid ihr ausgeglichener und zufriedener.

 

  1. Achtsamkeit

Gerade in einer Großstadt wie München ist das Wort schon richtig hip geworden. Mich stört aber etwas daran. Das macht folgende Geschichte deutlich. In dem wunderschönen Raum, in dem ich unterrichte, gibt es auch Kurse von anderen Menschen, vor allem aus dem alternativen-kreativen Bereich, unter anderem auch „Achtsamkeitstrainings“. Interessanterweise sah aber nach diesen Achtsamkeitstrainings der Raum nach und nach immer schlimmer aus. Sachen standen überall herum, die Küche wurde nicht aufgeräumt, eine Schranktür war sogar aus den Angeln gerissen, der Müll wurde nicht entsorgt. Einmal bin ich ein paar Leuten dieser Kurse begegnet und ich muss ehrlich gestehen, richtig angesehen hat mich von denen keiner. Was bitte ist daran Achtsamkeit? Nach diesem Erlebnis hab ich erst einmal eine Tasse Tee getrunken und witziger Weise stand auf einem dieser Yogi-Teebeutel-Anhänger „Achtsamkeit heißt die Konsequenzen deines Handelns zu bedenken“. Genau das ist es! Das kommt meiner Meinung nach in unseren Zeiten und unserer Gesellschaft viel zu kurz. Selbstliebe und Selbstfürsorge sind gut und wichtig, aber danach kommt der nächste Schritt, nämlich die Verbindung mit unseren Mitmenschen.

Du kannst auch achtsam üben: achte nur auf EINEN Aspekt beim Üben, z.B. deinen Kiefer, das Hören des Vokals, die Zungenposition, übe nur die EINE Stelle im Song, die dir Schwierigkeiten bereitet. Oder achte darauf, wie du deine Stimme einsetzt, wie schnell du sprichst, wann du anfängst mit dem Kiefer zu beißen, wie du sprichst und wie weit du vom „Sprechen auf Tönen“ vom Sprechen weggehst und so weiter und so fort. Im Alltag heißt Achtsamkeit jede Türklinke bewusst anzufassen, jede Tür bewusst aufzumachen, zu achten darauf, was du hörst, siehst, spürst, die Sonne im Gesicht, der Wind, die lauten stressigen Leute in der U-.Bahn, achte auf deinen Atem, es ist endlos. Oder achte darauf, wann du wieder in Instagram-Kanälen surfst, anstatt selbst aktiv oder kreativ zu werden. Das ist ebenfalls gar nicht einfach, aber eine gute Übung und vor allem ein gute Methode, aus dem Schleudergang und aus dem Gefühl von Zeitdruck auszusteigen.

 

  1. Gelassenheit

Eines meiner Hauptziele für dieses Jahr: mich in Gelassenheit üben. Wer viel unternimmt, bei dem geht auch viel schief, hat eine Psychologin mal zu mir gesagt. Wie wahr. Im Laufe der letzten Jahre habe ich gelernt, dass es nichts, aber auch wirklich rein gar nichts bringt, sich aufzuregen. Im Gegenteil. Wenn man akzeptiert, dass dies oder das gerade danebengegangen ist, oder dass man wieder viel zu spät ist, dass man dies und das falsch gemacht hat, dann beruhigt man sich erstens wieder ziemlich schnell und zweitens stellt sich ein interessanter Effekt ein: meistens regulieren sich die Dinge nämlich von selbst. Kommst du vom Weg ab und akzeptierst es, dann tut sich mindestens ein ebenso guter Weg auf. Mit meinen Jungs habe ich einmal so knapp den Zug verpasst, wir sind so schnell wir konnten quer durch den Münchner Hauptbahnhof gerannt, konnten kaum mehr atmen, und dann fuhr uns der Zug vor der Nase weg. Nach ein paar Minuten Ärger und Beschuldigungen, wer jetzt dafür verantwortlich ist, dass wir zu spät waren, haben wir einen anderen Zug gesucht, sind ganz woanders gelandet, aber haben etwas wirklich tolles Neues entdeckt, das wir sonst nie kennen gelernt hätten.

Hier nur ein paar Beispiele aus dem Gesangsunterricht:

Wenn du wieder einmal an dir und deiner Stimme zweifelst – bleib gelassen. Es wird sich trotzdem weiterhin zum Positiven verändern, nur nicht linear, sonder eben mit Auf und Abs.

Wenn du nicht so schnell vorwärts kommst, wie du möchtest – bleib gelassen. Es wird vorwärts gehen, und wenn es länger dauert, ist das einfach so, alles braucht seine Zeit.

Wenn du ständig von einer Erkältung in die nächste kommst und nie richtig zum Üben kommst – bleib gelassen. Es geht vorbei.

Wenn du Momente hast, bei denen die alten falschen Singgewohnheiten wieder stärker hervortreten – bleib gelassen. Das ist ganz normal und wird sich auch wieder ändern.

Wenn das erste Vorsingen im Chor, die erste Audition nicht geklappt hat – bleib gelassen. Es sind wertvolle Erfahrungen, aus denen du nur lernen kannst.

 

  1. Grübeln

Meistens ist es doch so. Über eine Sache nachzugrübeln fühlt sich eigentlich immer schwerer an, als diese Sache entweder einfach sein zu lassen oder diese einfach zu tun. Nehmen wir das Thema Üben oder Hausaufgaben machen. Darüber nachzudenken, dass ich doch dies und das noch üben müsste (oder eigentlich möchte) nimmt viel mentale Kraft und Zeit, anstatt das Grübeln aufzuhören und sich hinzusetzen und zu üben. Der Schritt dazu, sich hinzusetzen und zu üben, ist oftmals der schwerste, aber eigentlich es ist nur eine Entscheidung.

Wenn mein Sohn 10 Minuten rumjammert, dass er den Müll nicht runter tragen will oder nicht Latein lernen will oder nicht Gitarre üben will, dann sage ich gerne: „Schau, jetzt hast du minutenlang Zeit verschwendet und dir selbst und uns schlechte Laune gemacht. Ohne das Gejammer wärst du schon längst fertig. Fang an, eines nach dem anderen, ohne groß darüber nachzudenken, wie viel du noch zu tun hast.“ Meistens geht es dann immer viel schneller als man denkt.

Das sagt sich immer so leicht von außen, ich selbst bin auch nicht besser und bräuchte auch so jemanden, der mich daran erinnert, mit dem Nachdenken aufzuhören und einfach zu machen. Man kann das aber auch selbst übernehmen. Wenn man das schafft, geht alles leichter von der Hand. „Nicht daran denken ist die halbe Miete“².

 

  1. Lehrer & Kritik

Wenn du in einem bestimmten Bereich alleine nicht weiter kommst, such dir Hilfe. Das kann ein Lehrer, ein Coach, ein Freund, ein Buch sein. Nimm auch Kritik an. Lass dir von einer in diesem Bereich kompetenten Person sagen, was noch verbesserungswürdig ist. Kritik ist manchmal hart, aber wenn sie ehrlich gemeint ist und von einer Person kommt, der es nicht daran liegt, dich nieder zu machen, sondern dich weiter zu bringen, dann nimm diese Kritik an und arbeite an dir. Ich selbst habe vor ein paar Jahren in einer Gesangsstunde einen meiner Master Teacher gefragt, wie ich diese eine Stelle singen soll, auf diese oder auf jene Art. Er wischte beides mit einer abfälligen Handbewegung weg: „Both is ugly“ – also „beides ist hässlich“. Naja, das war sehr ehrlich und auch nicht besonders nett. Aber auch einfach nicht böse gemeint. Es war erst einmal verwirrend - so nicht, aber so auch nicht, wie dann? Ich hab einfach weiter gesucht, geübt, mir weitere Stunden genommen, und heute ist meine Stimme definitiv auf einem viel besseren Stand.

Achte allerdings darauf, dass die Personen, von denen Kritik kommt, auch wirklich die Kompetenz dazu haben, also Experten in diesem Fach sind! Und wichtig: es sollte angesprochen werden, was du VERBESSERN kannst, und nicht nur WAS DU ALLES FALSCH MACHST. Ersteres ist sinnvolle Kritik und zeigt dir den weiteren Weg auf, letzteres ist nur vernichtend und kannst du getrost vergessen. Wobei, vielleicht nicht vergessen, aber wandle es um. Nimm es nicht persönlich, sondern wandle es ganz konkret um von „So nicht“ in „Mach es so“. Arbeite heraus, was du umändern musst, damit es richtiger, besser, wahrer wird. Zum Beispiel: Wenn kommt: „du singst so ausdruckslos“, kannst du dir überlegen: wie KANN ich persönlich mehr Ausdruck beim Singen finden? Ganz konkret wären das: die Haltung verbessern, Augenkontakt, sich mehr mit dem Text befassen und die eigene Geschichte dazu finden, Betonungen herausarbeiten, Dynamik einsetzen und so fort.

 

  1. Ruhepausen & Zeit

Die Entwicklung meiner eigenen Stimme hat mindestens doppelt so lange gedauert, wie ich mir vorgenommen habe. Das hat damit zu tun, dass Altes ziemlich fest gespeichert war und ich sehr viel arbeiten musste, um das umzutrainieren. Körper, Geist und Stimm-Muskulatur benötigen mindestens so viel Zeit, etwas Neues zu programmieren, wie viel Zeit man damit verbracht hat, sich falsche Gewohnheiten anzueignen. Das ist bitter, aber ist leider so. Hinzu kommt, dass die meisten von uns neben dem Singen und Musizieren noch einen Beruf, Familie und andere Hobbies haben, die ebenfalls Zeit benötigen. Ein Profimusiker oder Profisänger muss in dieser Hinsicht definitiv mehr Zeit fürs Üben verwenden als für Hobbies. Von Kindheit an manchmal mehrere Stunden am Tag. Das ist der Unterschied. Du brauchst also Geduld.

Trotzdem brauchen Körper und Geist auch Ruhepausen. Erstens kannst du nicht mit einmal Üben gleich perfekt werden, sondern die Muskulatur braucht auch Zeit. Auch ein Instrument zu üben braucht Zeit und man kann es zwischendurch dann auc einfach mal genießen, im Chor zu singen, ein Lied zu summen und darauf zu schauen, was man schon geschafft hat. Oder bist du Gesangslehrer und hast viele Stunden hintereinander Unterricht, dann geh zwischen durch Spazieren und genieße die Pause.

Es gibt die Geschichte von den drei Idioten, die alle einen schönen Garten besitzen.3 Der erste (und zu dieser Sorte zähle ich :-)) erledigt alle die kleinen Aufgaben, die anfallen. Laub fegen, Hecken schneiden, Rasen mähen, eines nach dem anderen. Da es immer etwas zu tun gibt, findet er keinen Augenblick Ruhe und verbraucht seine gesamte Freizeit. Der zweite Idiot hält sich für klüger und setzt sich mit einer Zeitung in den Garten und schaut sich darin die Landschaftsaufnahmen an. Er lässt sich also von seiner Zeitschrift ablenken und genießt ebenfalls nicht den Garten. Der dritte setzt sich in den Garten, 2 Sekunden lang, wobei ihm allerlei auffällt, was alles gemacht werden könnte und er schmiedet Pläne, findet also auch keinen Frieden. Einer ist klüger und gesteht sich ein, dass er lange genug gearbeitet hat und es zwar noch viele Dinge zu tun gibt, aber NICHT JETZT. Jetzt möchte er für 15 Minuten die Früchte seiner Arbeit genießen. Was getan wurde, ist fertig!

 

  1. Steine im Glas

Die meisten von uns sind sehr pflicht- und leistungsorientiert, so wie das in unserer Gesellschaft eben gängig ist. Die Umsetzung dessen, was man auf der Herzebene will, was einem wirklich wichtig ist und Freude bereitet, bleibt meistens auf der Strecke. Weil wir zuerst alles, was wir MÜSSEN, tun und das ist meistens so viel, das für das andere keine Zeit oder Kraft mehr bleibt. Wir füllen also alle kleinen Steinchen, Kieselsteine und Sandkörner in das Glas (die ganzen Pflichten unseres Alltags) und für die großen Steine (also die Sachen, die uns wirklich wichtig sind), bleibt dann nie ein Platz übrig. Wir können es aber umdrehen. ZUERST legen wir die großen Steine ins Glas. Ich komme von meinen Unterricht nach Hause und anstatt Pause zu machen, geht es gleich weiter mit Haushalt, Kinder versorgen, putzen, Nachrichten lesen, Bürokram erledigen und so fort. Und das bestimmt nicht mit bester Laune. Stattdessen könnte ich eine kurze Pause machen, und dann mich zum Beispiel erstmal ans Klavier oder die Gitarre setzen und 15 Minuten üben oder spielen. Die anderen Sachen schafft man erstaunlicher Weise trotzdem und meistens viel leichter und schneller. Die kleinen Steinchen sind die lästigen Pflichten, die sollte man eigentlich nur drum rum bauen, wann es gerade mal passt. Am Ende des Tages ist das auch wieder nur eine Entscheidung, die man treffen muss. Das unaufgeräumte Zimmer kann warten.

 

  1. Tropfen auf Steinen

Wenn man bedenkt, wie lange es dauert, bis ein Mensch ein Instrument einigermaßen gut beherrscht, kann man davon ausgehen, dass es mit der Stimme mindestens genau so ist. Es ist sogar noch schwieriger, da wir nicht auf eine Taste drücken können, die wir sehen können, sondern wir müssen es ausschließlich über das Gehör und Stimmgefühl lernen. Extrem schwierig. In meinem Unterricht bleiben sowieso nur die Menschen, die das verstanden haben. Diejenigen, die ein ultra schnelles Ergebnis haben wollen, werden enttäuscht oder geben auf, bevor sie überhaupt richtig eingestiegen sind. Wenn man das Glück hat und von Kind an ein Instrument lernen kann, dann ist das definitiv einfacher. Man geht jahrelang regelmäßig in den Unterricht und irgendwann nach 5-6- Jahren, wenn man die durchgezogen hat, kommt wahrscheinlich was ziemlich anständiges dabei raus. Es gibt das Sprichwort „Steter Tropfen höhlt den Stein“ und das trifft in diesem Bereich definitiv zu. Man muss regelmäßig über einen langen Zeitraum dran bleiben, bis sich erste Ergebnisse zeigen. Oftmals kommen Momente, in denen man verzweifelt, weil sich scheinbar nichts verbessert. Aber das stimmt meistens nicht. Es sind so kleine feine Prozesse, die nicht sichtbar oder deutlich hörbar sind, aber summieren sich diese Prozesse, kommt irgendwann der Moment, an dem du plötzlich auf einem anderen Stand bist. Aber eben eigentlich nicht plötzlich wegen diesem einen Moment, sonder wegen der langen stetigen Vorarbeit.

Bei Kindern ist es auch so, dass der Unterricht über Jahre lang einfach so mitläuft, mal wird mehr, mal weniger geübt, mal gibt es ein Vorspiel, mal fällt der Unterricht auch aus. Aber dieses lange stetige Dranbleiben trotz der Schwankungen führt dazu, dass man Jahre später auf einmal schon richtig gut spielen kann, ohne dass man sich extrem darauf fokussiert hat.

Deshalb ist der richtige Fokus auch wichtig. Wenn sich ein Kind wünscht, es möchte Popstar werden, ist das meistens nicht so erfolgsversprechend, wie ein Kind, das sich wünscht, richtig gut singen zu können wie das Vorbild XY. Der, der sich wünscht, ein Popstar zu sein, hat immer schon das perfekte Ergebnis und Aussehen im Kopf und wird sich immer damit vergleichen und vielleicht sehr unzufrieden sein, dass es eben anfangs nicht gut aussieht und sich nicht gut anhört und man diese schweren coolen Stück lange nicht singen oder spielen kann, sondern VIEL Arbeit und Zeit hineinstecken muss. Der- oder diejenige, die lernen möchte, gut zu singen, wird sich mit dem langsamen Prozess, mit den kleinen stetigen Schritten einfacher tun. Er wird sie einfach machen. Der Fokus liegt mehr auf dem Prozess und nicht auf dem Ergebnis. Meistens funktioniert das besser. Ich finde auch, dass das Üben und Eintauchen in ein Metier an sich eigentlich das Tolle ist! Der Lernprozess selbst und der Flow, in den man manchmal gerät, wenn man sich wirklich auf eine Sache konzentriert. Ob das Ergebnis schon perfekt ist, ist dann erst einmal nicht so wichtig.

 

  1. Perfektion

In der IVA-Methodik streben wir danach, immer die möglichst beste Balance in der Stimme herzustellen. Wir wollen die perfekt ausgeglichene Stimme und darauf zielen die Übungen ab. Allerdings ist es gut zu wissen, dass die Stimmbalance und die Kontrolle, die du über die Stimme mit dieser Technik bekommst, immer besser werden: die Arbeit wird immer feiner, dein Stimmumfang erweitert sich, deine Bruststimme wird kräftiger, deine äußere Muskulatur immer freier und deine Übergänge werden immer besser verbunden. Aber da wir alle Menschen sind und die Stimme von fast allem, was in Körper und Geist passiert, beeinflusst wird, braucht man gleichzeitig eine gewisse Gelassenheit, denn es wir NIE 100 Prozent perfekt sein. Es wird nie so sein, dass die Stimme JETZT perfekt ist, und dann läufst du immer mit einer perfekten Stimme rum. Nein, so ist es leider nicht. Das Ziel ist, jeden Tag oder jedes Mal aufs Neue darauf hin zu zielen, es so perfekt wie möglich zu machen und besser zu werden. Aber dann lass auch los. Irgendwann kommst du zu dem Punkt, da ist die Stimme GUT GENUG. Gut genug, um in einen Chor zu gehen, gut genug, um sich einen Gitarristen zu suchen, mit dem man in Bars auftreten kann, gut genug, um sich für eine Aufnahmeprüfung zu bewerben, gut genug um mit einer Band aufzutreten und so weiter. Die Sachen, die du noch verbessern möchtest, natürlich, bleib an denen dran, aber das heißt nicht, dass du noch nicht rausgehen und nicht singen darfst.

Ein Schlagzeuger ist nicht 'kein guter Schlagzeuger', wenn er das Tempo nicht maschinell genau halten kann. Wenn das gewünscht ist, dass keine Millisekunde vom Tempo abgewichen wird, dann wird mit Klick im Ohr gespielt. Wir sind alle Menschen und keine Maschinen. Die perfekten Performances sind oft mit viel Technik verbunden! Vergleich dich also nicht mit den perfekten Darstellungen auf sämtlichen Internet-Kanälen. Willst du hochprofessionell und annähernd perfekt werden, dann musst du einfach VIEL Zeit hineinstecken. Ansonsten bleib gelassen und geh mit deiner noch unperfekten Stimme so gut wie möglich um!

„Mit Mängeln leben“, dieser Satz hilft mir auch sehr im Alltag. Mängel sein lassen, es ist trotzdem GUT GENUG!

 

1aus „Rauhnächte – 12 Tage nur für dich – Klarheit schaffen, loslassen und Neues wagen“, Tanja Köhler, Knesebeck Verlag

2, 3aus „Die Kuh, die weinte – Buddhistische Geschichten über den Weg zum Glück“, Ajahn Brahm, Lotos-Verlag

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