Musik unterm Magnolienbaum – SZ-Artikel vom 22.8.2017

Gitarrist Daniel Contrini aus Argentinien und die niederbayerische Sängerin Josepha Hanner in Pöcking

Von Reinhard Palmer, Pöcking

Die Erfinder der ersten Waschmaschinen hätten es sich sicher wohl kaum träumen lassen, eines Tages als Kulturförderer dazustehen. Doch vor allem die elektrische Waschmaschine machte die Waschhäusl in den Dörfern überflüssig. Kleine, schlichte Bauwerke in meist zentraler Lage, die in der Regel jahrzehntelang ein unliebsames Dasein fristeten und plötzlich, wenn sie bis heute überlebt haben, für den einen oder anderen Zweck wiederentdeckt wurden. In Weßling dokumentierte der Verein Unser Dorf darin die einstige Bestimmung in musealer Darstellung.

Pöckinger, die über keinen Veranstaltungsraum verfügten, packten die Gelegenheit beim Schopf, um aus ihrem unspektakulären Häuschen ein lebendiges Begegnungszentrum zu erschaffen. Das Literaturcafé Waschhäusl profitiert zudem zumindest im Sommer von der kleinen Grünanlage, in der sich das vom gleichnamigen Verein liebevoll sanierte und umgebaute Kleinod befindet.

An warmen Sommertagen können daher die Darbietungen auf der Café-Terrasse stattfinden, unter dem üppigen Magnolienbaum, umlagert von Besuchern, die bei feinstem Cappuccino – aus der Andechser Rösterei, wie die Vereinsvorsitzende Angela Stimmer betont – und vielleicht auch süßen Verführungen – aus eigener Produktion oder von der örtlichen Konditorei – ein Konzert, eine Lesung, eine schauspielerische Vorstellung in entspannter Atmosphäre zu sich nehmen zu können. So eben nun zum Auftakt der neuen Saison ein noch sommerliches Programm mit dem Argentinier Daniel Contrini (Gitarre und Gesang) und Josepha Hanner (Querflöte, Gesang) aus dem niederbayerischen Freyung – mit wunderbarer Sprachdiktion in Portugiesisch.

Dieser kleine Rahmen war bestens dafür geeignet, aus Unplugged die besten Qualitäten herauszuholen. Akustische Gitarre ohne Verstärkung im Freien hat es nicht leicht, doch Contrini verstand es, aus seinem Instrument nicht nur die adäquaten Stimmungen herzuzaubern, sondern es auch substanzvoll singen zu lassen. Mit dem Waschhäusel als akustische Barriere, die den Sound nicht entweichen ließ, konnte auch Hanner den Flötengesang sinnenfreudig sinnieren lassen und sich zu imaginären Höhenflügen aufschwingen. Ob es um Rhythmen aus Brasilien, Argentinien, Chile, Peru oder Venezuela ging: Die poetische Ader haben sie alle. Und die verstand das Duo, in luftig-lässiger Unbeschwertheit mit seelentiefer Melancholie herauszustellen. Diese Charakteristik pflegte auch Hanner mit ihrem Gesang, zu dem Contrini mit der zweiten Stimme immer wieder dazu stieß oder einfach nur einen Backgroundgesang zum instrumentalen Part anstimmte.

Hanner studierte Flöte und Gesang, sie widmet sich auch als Chorleiterin, Stimmbildnerin und Sängerin wohl geradezu jedem vokalen Genre, insbesondere dem brasilianischen. Den Choro hat sie 2007 sogar an Ort und Stelle an de Universidade Portàtil in Rio de Janeiro studiert und auch gut verinnerlicht, zumal sie bereits 2004 bei einem sozialen Musikprojekt im Nordosten Brasiliens mitgewirkt hatte. In München spielt und singt Hanner mit Contrini und dem chilenischen Bassisten Sven Holscher im Projekt Canciones de Claridad. Und auch Contrini – aus dessen Feder einige Stücke des Abends stammten, beispielsweise „Xanaes“ über den Fluss seiner Heimat – ist ein vielseitiger Musiker. Er bewegt sich nicht nur mit Leichtigkeit in den Rhythmen Latein- und Südamerikas, sondern auch im Pop, Jazz und – seiner Ausbildung entsprechend – in der Klassik, was auch seiner Spieltechnik anzumerken ist.

Dem Publikum bescherte der Auftritt von Contrini und Hanner ein beschwingtes, heiteres Vergnügen, vor allem mit so unbeschwerten Titeln wie dem Jazz-Standard „Desafinado“ oder mit „Bayonga“. Besonderen Reiz entfalteten die beiden mit den Balladen, etwa dem lyrisch fließenden „Montreux“, dem melancholisch sinnierenden argentinischen Vidala-Tanz „Cami“ oder dem relaxten „Tarde en Itapoã“. Einen Hauch von Nostalgie breitete indes „Sunrise“ von Nora Jones aus, auch der Folksong „Our House“, den 1970 Crosby, Stills, Nash and Young auf Platte bannten, oder das wohlig fließende „For no-one“, das die Beatles 1966 veröffentlichten. Allesamt wunderbare Lieder, mit denen man wieder selbst der Lagerfeuer-Romantik erliegen könnte.

 

 

 

Beschwingtes Vergnügen: Daniel Contrini und Josepha Hanner auf der Waschhäusl-Terrasse.

 (Foto: Georgine Treybal)